Judges

Professional JournalistsBeginner JournalistsAll articles Professional Journalists

6 Nov

Andreas Saurer (Switzerland)
Berner Zeitung, 8.8.2015

Bei den armen Millionären in Europas totem Winkel

Lenin vor dem Parlament und Stadler Rail auf der Schiene: Eine skurrile Zeitreise nach Weissrussland – in das unbekannte Land am Rande Europas, wo Aleksandr Lukaschenka seit 21 Jahren die Fäden zieht.

Wo ein Glas Wein 60’000 oder 90’000 kostet und ein anständiges Mahl zu zweit rasch 500’000, ist fast jeder Millionär. Für 100 Euro bekommt man derzeit in der weissrussischen Hauptstadt Minsk über 1,7 Millionen weissrussische Rubel. Doch weit kommt der einheimische Durchschnittsmillionär damit nicht. Das liegt an den Löhnen, die umgerechnet bei 200 bis 400 Euro liegen. Das reicht für die Wohnungsmiete oder für einen Mantel. Weit aber kommt er auch wegen der Isoliertheit seiner Heimat am Rande Europas nicht.

Lenins riesiger Schatten

Schon die abendliche Ankunft in Minsk wirkt surreal. Schnurgerade, absurd breit und zehn Kilometer lang zieht sich der Boulevard der Unabhängigkeit durch die weissrussische Millionenstadt. Er ist Teil der Verkehrsader Moskau–Warschau. Die Fassaden der endlosen stalinistischen Häuserreihen sind hell erleuchtet. Für die Menschen, die dort wohnen, bedeutet das ein Leben im Scheinwerferlicht. Der Verkehr rauscht gleichmässig und laut. Passanten schrumpfen vor dieser neoklassizistischen Kulisse zu Figuranten.

Bei Tag betrachtet sieht alles entschieden trister aus, im Zentrum und in den Quartieren erst recht, etwa beim Traktorenwerk Belarus. Hammer und Sichel prangen an repräsentativen Gebäuden und an U-Bahn-Stationen in friedlicher Eintracht mit den Einheitsglobalikonen der Moderne wie McDonald’s oder Ermenegildo Zegna.

Vor dem gefängnisartigen Parlamentsgebäude steht auch im Jahr 2015 Lenin wie ein Fels in der Brandung. Sieben Meter hoch ist die Statue auf dem riesigen Sockel, ein Rekord in der ganzen Ex-Sowjetunion. 65 Lenin-Statuen gibt es landesweit. Minsk ist ein Mix aus Freilichtmuseum und Funpark, Kommerz und Mausoleum, ein bombastisch blinkendes Casino. Guter Geschmack mag eine relative Grösse sein, in Minsk aber ist er besonders rar.

Der bedrängte Verleger

Ihar Lohvinau ist Verleger. 2013 war ihm von einem Gericht die Verlagslizenz entzogen worden – wegen eines angeblich «extremistischen» Fotobandes. Lohvinau verlegte den Sitz seines Verlages nach Vilnius ins benachbarte Litauen. Im Dezember 2014 gingen die Behörden gegen seine Buchhandlung in Minsk vor. Der Vorwurf: Bücherverkauf ohne Lizenz. Seit letztem Jahr ist auch das illegal. Lohvinau wurde zu einer Busse in Höhe von umgerechnet rund 58’000 Euro verurteilt. Sein Fall sorgte rasch international für Schlagzeilen. Kürzlich reiste gar eine Equipe von al-Jazeera aus Moskau an, um darüber zu berichten.

Schwarzer Humor in Weissrussland geht so: «Weisst du, wo Lohvinau wohnt? Ja. Jetzt wohnt er gegenüber.» Auf der anderen Strassenseite der Minsker Wohnung von Lohvinau ist das Gebäude des Geheimdienstes.

Ende März hat Lohvinau die Busse beglichen – dank Spenden seiner Kunden und einer internationalen Solidaritätsaktion. Seine Buchhandlung hat wieder eine Lizenz erhalten. Alles gut also? «Niemand weiss, was den Behörden als Nächstes einfällt. Und wann», winkt ein Mitarbeiter in der Buchhandlung ab. Die weissrussische Bürokratie erstickt systematisch jede Eigeninitiative.

Lohvinau ist in 15 Jahren zur Institution geworden. Der Verlag ist publizistische Heimat für viele weissrussische Autoren. Durch die Übersetzungen aus westlichen Sprachen ist er auch ein Fenster zur Welt. Das Team um Verleger Lohvinau und Art-Direktor Pawal Kaszjukewitsch gibt ausschliesslich Bücher in Weissrussisch heraus – eine eigene, ebenfalls ostslawische Sprache.

Die Buchhandlung mit angegliederter Galerie und einer Bar mit diversen «butjerbrody» und guten Weinen ist wie eine Oase. Das pavillonartige Gebäude steht in einem weitläufigen, ruhigen Innenhof neben vielen Garagen und einem Kinderspielplatz. Einst wurde genau hier Altglas abgegeben. Heute ist das Lohvinau mit seinem nonkonformistischen Bücher- und Veranstaltungsprogramm ein Magnet für Literatur- und Kulturfreunde.

Bei Lohvinau stehen Bücher von Václav Havel oder Ilma Rakusa im Regal – und von vielen weissrussischen Autoren. Darunter ist Swetlana Alexijewitsch, 2013 Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, oder der begnadete Lyriker Ales Rasanau. In einem seiner Verse steht: «Es gibt hier / weder Feinde noch Freunde, / sogar / für dich selbst / bist du kaum zu erkennen.»

Das trifft das Lebensgefühl, die kollektive Schizophrenie, der man im flachen Niemandsland zwischen Europa und Russland begegnen kann. Schilder geben zweisprachig Auskunft, aber auf der Strasse dominiert Russisch. Weissrussisch ist etwas für aufrechte Patrioten und für seichte Folklore, für Widerstand und für manche Familientische.

Strohhalm für den Frieden

Von Aleksandr Lukaschenka fehlt im Minsker Stadtbild jede Spur. Seit 1994 ist er an der Macht, 3 Jahre davor war Weissrussland unabhängig geworden. Im Oktober wird er sich vom Volk erneut im Amt bestätigen lassen. Doch Personenkult im öffentlichen Raum? Fehlanzeige. Sein Porträt hängt in staatlichen Einrichtungen, selbst dort eher diskret, etwa im Büro des Schuldirektors.

Minsk ist isoliert. Weissrussland gehört nicht einmal dem Europarat an. Der Langzeitherrscher gilt als Ausgestossener der internationalen Gemeinschaft. Schon so lange, dass man ihn und sein Land fast vergessen hat. Erst die offene russische Aggression in der Nachbarschaft, erst der Krieg in der Ukraine und die europäische Ratlosigkeit haben Lukaschenka als Gastgeber von Krisengipfeln zurück ins Spiel gebracht. Die Abkommen Minsk 1 und Minsk 2 sind zum Strohhalm für den Frieden geworden.

In der Geschichte war Weissrussland immer wieder Durchmarschgebiet für fremde Mächte und Objekt neoimperialer Projekte. Die Schatten von Napoleon, Stalin und Hitler lasten schwer auf dem 10-Millionen-Volk. Allein im Zweiten Weltkrieg wurde ein Viertel der Bevölkerung ausgelöscht. Fast jede Familie ist davon betroffen. Auf Schritt und Tritt begegnet man Denkmälern, Statuen und Gedenksteinen.

Entsprechend tief sitzen die nationalen Traumata: Die Menschen fühlen sich ignoriert und ausgeschlossen. Moskau hört nicht zu, und Brüssel versteht nichts. Vielleicht deshalb kann es dem Besucher in Minsk passieren, dass sich ein Einheimischer bei ihm in einem langen Monolog allein dafür bedankt, dass er Weissrussland durch seine Präsenz ehrt.

Permanente Verunsicherung

Lukaschenka setzt zur Disziplinierung auf eine Strategie der permanenten Verunsicherung. Als er vor 21 Jahren auf der Klaviatur der nationalen Symbolik zu spielen begann, war in Berlin Helmut Kohl Kanzler, und in Rom stieg gerade Berlusconi in die politische Arena. Dass Lukaschenka aber nicht vor offener Repression zurückschreckt, hat er oft genug bewiesen. Etwa bei der Präsidentschaftswahl im März 2006, als er das Protestcamp auf dem zentralen Oktoberplatz räumen liess.

Oder bei jenen vom 19.Dezember 2010, als noch in der Wahlnacht Hunderte von Demonstranten inhaftiert wurden. Einzelne sind noch heute im Gefängnis. Lukaschenka sei Europas letzter Diktator, wird oft geschrieben. Diesen Schwarzen Peter gibt man derzeit in Minsk – sowohl in der Regierung als auch in der Opposition – gerne an Wladimir Putin weiter. Lukaschenka markiert kalkulierte Distanz zu den Präsidenten in Moskau und Kiew und betont bei seinen Auftritten aktuell aus wohl eher taktischen Gründen sogar das Weissrussische.

«Die Elster auf dem Galgen»

«Belarus», korrigiert der Schriftsteller und Übersetzer Alhierd Bacharevi? beharrlich, «bei Weissrussland denken alle an Russland.» Nicht von ungefähr. Die russische Fahne ist nach der weissrussischen am häufigsten zu sehen. Doch die enge wirtschaftliche Verflechtung mit dem grossen Nachbarn fordert Tribut, fast die Hälfte der Exporte geht nach Russland, der weissrussische Rubel verliert markant an Wert. Und der Krieg in der Ostukraine löst Abwehrreflexe aus und stärkt Lukaschenkas Image als unbestechlicher Landesvater.

Wenn die Weissrussen nach Moskau oder nach Kiew schauen, dann ist Lukaschenka für sie das kleinere Übel. Die Filialen der Delta-Bank haben dichtgemacht. Diese viertgrösste Bank der Ukraine ist zahlungsunfähig. Doch Lukaschenka steht für die Guthaben seiner Bürger gerade.

Autor Alhierd Bacharevi? lebte von 2008 bis 2011 als Writers-in-Exile-Stipendiat in Hamburg, 2013 ist er nach Minsk zurückgekehrt. Sein Roman «Die Elster auf dem Galgen» erschien 2010 in Deutschland. Es ist eine beklemmende Geschichte über Überwachung und Exil, über Selbst- und Fremdbestimmung, über eine Liebe am Abgrund. Es ist ein auch furioses Buch über Europas vergessenes Land. Das neue Prosawerk des 40-Jährigen, «Alindarkas Kinder», ist in Weissrussland kürzlich als «Buch des Jahres» ausgezeichnet worden.

Verschweizerte Slawen

Im Café Milano an der Karl-Marx-Strasse haben sieben junge Frauen etwas zu feiern. Das hört man nicht, man sieht es. Kein Gekreisch, keine Tränen, keine Gefühlsausbrüche. Exquisite Roben in knalligen Farben, strohblondes und pechschwarzes Haar, Selfies. Draussen im dichten Verkehr hupt kaum einer. Weissrussen sind entschieden disziplinierter und reservierter, weniger laut und weniger emotional als die Russen. Die Weissrussen sind die Balten unter den Slawen. Oder die Schweizer.

Das hat auch Peter Spuhler erkannt. «Lukaschenkas Schweizer Freund» nennen ihn hier manche augenzwinkernd. Denn der Thurgauer Eisenbahnbauer und frühere SVP-Nationalrat hat Weissrussland zur Drehscheibe für sein Ostgeschäft gemacht. Er hat in Fanipol bei Minsk ein eigenes Werk gebaut, um die Märkte in den GUS-Staaten beziehungsweise der Eurasischen Union zu erschliessen. Bei der Eröffnungsfeier im letzten Herbst waren Spuhler und Lukaschenka persönlich vor Ort.

Für Stadler Rail sind die Kosten in Minsk um zwei Drittel tiefer als in der Schweiz. Im Minsker Hauptbahnhof kommen Eisenbahnfans voll auf ihre Rechnung. Postmoderne trifft hier auf Sowjetnostalgie. Auf einer fabrikneuen Komposition steht diskret «Stadler Rail». Sie verkehrt etwa auf der Linie nach Vilnius, in die nur drei Zugstunden entfernte Hauptstadt des EU-Mitgliedslandes Litauen.

Brot und Spiele

In Minsk aber schlendert man auch im Sommer 2015 gemütlich von Lenin zu Felix Dserschinski. Er war der Gründer der gefürchteten Geheimpolizei in der Anfangszeit der Sowjetunion. Neben seiner Büste, deren Blick starr auf die Geheimdienstzentrale gerichtet ist, turtelt auf einer Bank ein junges Paar. Die beiden Teenager haben keine Ahnung, neben wem sie es sich gemütlich gemacht haben.

Belarus hat in den letzten Jahren einen «riesigen Transformationsschub» erlebt, wie das Thomas Bohn nennt. Er ist Professor für Osteuropäische Geschichte in Giessen. Seine vor 10 Jahren als Buch erschienene Habilitation trägt den Titel «Minsk – Musterstadt des Sozialismus». Tatsächlich wurde Minsk im Zweiten Weltkrieg durch die Deutschen praktisch ganz zerstört, mit dem Rest machte man im Stalinismus Tabula rasa. So entstand das moderne Minsk.

Für die Eishockey-WM, das Prestigeobjekt des letzten Jahres, wurde massiv in die gesamte Infrastruktur investiert. Der Flughafen wurde modernisiert, Hotels aus dem Boden gestampft. Brot und Spiele, das altbewährte Rezept autokratischer Staatsführung. Im Reich von Aleksandr Lukaschenka funktioniert es seit 21 Jahren. (Berner Zeitung)

Originally published: http://www.bernerzeitung.ch/ausland/europa/bei-den-armen-millionaeren-in-europas-totem-winkel/story/29851829