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20 Jan

Olga Kapustina (Belarus)
SWR 2, 30.9.2015

Generation Lukaschenko

Generation Lukaschenko

Die Jugend in Weißrussland 

Autorin:             Ich bin 30 und komme aus Weißrussland, amtlich: Belarus. Ich kann mich noch ein bisschen an die Zeit vor Alexander Lukaschenko erinnern. An die Aufbruchsstimmung der frühen 90er. An die Scorpions, Kaugummis mit Donald Duck und neonfarbene Leggins. Vor 21 Jahren kam Lukaschenko an die Macht. Er stellte die Uhren zurück und machte aus Belarus ein Freilichtmuseum der Sowjetunion. Inzwischen ist eine Generation von Menschen herangewachsen, die ihre Heimat ohne diesen Präsidenten nicht kennt. 

Ansage:             Generation Lukaschenko
Die Jugend in Weißrussland
Ein Feature von Olga Kapustina 

1. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

Sprecherin 1:   „Ich möchte sehr, dass sich hier etwas zum Besseren ändert. Doch wie das gehen kann, hat mir bis jetzt keiner gezeigt. Man sollte einfach abwarten und das tun, was man kann.“ 

1. Atmo Bar Ў  

Autorin:             Palina ist 21. Sie ist Studentin und Sängerin in Minsk. Ihr Künstlername lautet Palina Respublika. Wir trinken Tee in der Szenebar „Ў“. „Ў“ ist ein kurzes U, ein Buchstabe, den es nur im Belarussischen gibt. Es sieht aus wie ein Ypsilon mit einem Strich drüber.
Die Innenausstattung ist schlicht: weiße Tische, graue Sessel, schwarzweiße Fotos an der Wand. Am Nachbartisch checkt eine Frau mit rot geschminkten Lippen ihre Facebook-Seite auf dem Laptop. An einem anderen Tisch unterhalten sich Geschäftsleute. Auf der Karte stehen Sandwiches, Salate, Kaffeespezialitäten und Desserts wie Brownie, Croissant und Tiramisu. Die Speisenamen sind auf Belarussisch geschrieben. Das ist ungewöhnlich. Denn in Belarus wird hauptsächlich Russisch gesprochen. Das Belarussische war lange Zeit als Dorfsprache verpönt. Auch in Palinas Familie spricht man Russisch. 

2. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

Sprecherin 1:   „Eins meiner ersten Lieder habe ich aus irgendeinem Grund auf Belarussisch geschrieben. Wie alle Belarussen habe ich es erst in der Schule gelernt. Die Grundlagen hatte ich, aber fürs freie Sprechen hat es nicht gereicht. Dank meines Lieds bin ich in die belarussischen Kreise geraten. Dort habe ich das Sprechen gelernt. Für mich war es wie ein Wunder. Die Wurzeln, die da waren, sind auf einmal ausgeschlagen.“ 

Autorin:             Palina ist ein häufiger Gast bei belarussischsprachigen Veranstaltungen. Zum Beispiel bei den kostenlosen und sehr beliebten Sprachkursen. Sie werden von den engagierten Bürgern organisiert. Lange Zeit war es so: Wer Belarussisch spricht, wird automatisch der Opposition zugeordnet. Palina will, dass sich das Image der Sprache ändert, dass es normal wird, sie zu verwenden. Deswegen spricht sie bei den öffentlichen Auftritten nur Belarussisch. Mit der Politik möchte sie sich lieber nicht beschäftigen. Sie ist wie die meisten Landsleute eingeschüchtert. Das merkt Palina aber nur bei ihren Reisen in die Ukraine. 

3. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

Sprecherin 1:   „Als ich dort im Fernsehen gesehen habe, wie sie ihre Regierung kritisieren, habe ich mich umgeschaut. Ich habe gedacht, dass jemand kommt und uns festnimmt dafür, dass wir diese Sendung geguckt haben. Von solchen Gedanken bin ich dann so traurig geworden. Wenn man ständig hier ist, dann merkt man solche Sachen nicht und alles scheint normal. Mit der Freiheit sieht es hier traurig aus. Genauso wie mit der Wahrheit.“ 

Autorin:             Belarus wird als die letzte Diktatur Europas bezeichnet. Im Alltag muss man das nicht immer merken. Palina erzählt von einer glücklichen Kindheit. 

4. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

 Sprecherin 1:   „Weil es in meiner Familie Liebe, gute Beziehungen und gegenseitiges Verständnis gibt. Es gibt keine Kluft zwischen den Eltern und mir. Ich kann ihnen alles erzählen. In manchen Fragen sind Oma und Opa mir sogar näher als meine Eltern. Meine Mutter ist meine beste Freundin. Ich finde es toll. Dass ist etwas, was einen Menschen selbstbewusst macht und ihm Kraft gibt.“ 

Autorin:             Palina will Fernsehregisseurin werden. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihres Diplom-Studiums. Was danach kommt, weiß sie noch nicht. Das macht ihr zu schaffen. 

5. O-Ton Palina (weiblich, Belarussisch):

Sprecherin 1:   „Die ersten 20 Jahre deines Lebens geht alles nach Plan. Du weißt immer was kommt. Du musst in die Schule gehen, danach in die Uni. Ich glaube, meine Generation hat ein Problem. Am Anfang denkt jeder, dass er ganz besonders, talentiert und cool ist. Man absolviert die Uni und glaubt, dass all die Menschen da draußen auf einen warten. Man soll nur mit dem Diplom rausgehen, da wird man mit einem teuren Wagen abgeholt, in ein Luxusbüro gebracht und mit einem spannenden Projekt beauftragt. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Das hat mich umgehauen.“ 

Autorin:             Ich muss an den Artikel „Why Generation Y Is Unhappy“ denken, der hunderttausende Mal auf Facebook geteilt wurde. Darin schreibt ein amerikanischer Autor über die heute 20- bis 30-Järigen, die ständig auf der Suche sind: auf dem Arbeitsmarkt, auf Reisen, nach sich selbst. Ihre Erwartungen seien zu hoch, das mache sie unglücklich. Dieser Trend gilt wohl nicht nur für Amerika, sondern auch für Belarus, das auf einem anderen Kontinent liegt und wo andere politische Verhältnisse herrschen. Palina ist eine typische Vertreterin der Generation Y. 

2. Atmo Bar Ў Lied 

Autorin:             In der Bar „Ў“ wird ein Lied von ihr gespielt. Palina versteckt ihr Gesicht hinter ihren Händen und beugt den Kopf. Sie könne sich ihre eigenen Lieder nicht anhören. Außerdem sei das eine schreckliche Version, jemand habe sie ohne ihr Wissen ins Internet gestellt, sagt Palina. Auf einmal sitzt keine populäre Sängerin, sondern ein schüchternes Mädchen vor mir.

3. Atmo Metro Minsk 

Autorin:             Palina schreibt Songs, seit sie 14 ist. Bis jetzt gibt es kein Album von ihr. Ihre Lieder kann man im Netz oder bei Live-Auftritten hören. Heute gibt sie ihr Silvester-Konzert. Ich fahre mit der Minsker U-Bahn hin. 

4. Atmo Konzert Beginn 

Autorin:             Die Bar liegt im zweiten Stock eines Wohnhauses. Retro-Tapeten, gepunktete Stühle, Fotorahmen an der Wand. Wohnzimmer-Atmosphäre. In Minsk eröffnen immer mehr solcher coolen, hippen Locations. Sie könnten sich genauso gut in Berlin oder Köln befinden. Palina trägt ein kurzärmliges pfirsichfarbenes Kleid, das ihre Mutter genäht hat. Ihre dunklen langen Haare trägt sie offen. 

5. Atmo Konzert Ryba 

Autorin:             Etwa 200 Menschen sind gekommen. Sie sind jung, hübsch, gut gelaunt. Palina fordert das Publikum auf, ihre wichtigsten Erlebnisse des Jahres aufzuschreiben. Sie reicht eine leere Dose ins Publikum. Nach einer Weile ist sie voll mit kleinen Papierstückchen. Palina zieht einen Zettel nach dem anderen heraus und liest vor. 

6. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

Sprecherin 1:   “Jemand war auf einer schönen beruflichen Reise in Frankreich und wünscht uns viel Freude. Besser wäre, er hätte uns auch eine Reise nach Frankreich gewünscht!
(Lachen im Publikum)
O! Ich habe mein Leben in die Hand genommen, habe aufgehört zu saufen und angefangen zu leben.
(Lachen und Applaus im Publikum)
Jemand ist Vater geworden. Das ist schön.
(Applaus im Publikum)
Habe meine Abschlussarbeit geschrieben. Die Abschlussfeier und Diplomvergabe waren ein Riesenfest ... Danach hast du wahrscheinlich aufgehört zu trinken?
(Lachen im Publikum)
In diesem Jahr habe ich mir mein Wunsch-Auto gekauft.
Alles gut bei den kleinen Belarussen? Ich dachte, ihr schreibt, dass es nichts Gutes gibt.
(Lachen im Publikum)“ 

Autorin:             Autos, Reisen, Studium, Partys, Beziehung. Die Lebensziele der jungen Belarussen unterscheiden sich nicht besonders stark von denen ihrer Altersgenossen in Deutschland. Mit dem Unterschied, dass alles etwas früher kommt. In Belarus gilt es als komisch, wenn man mit Anfang 20 noch keinen Job und mit Mitte 20 noch keine Familie hat. Alles ist genau vorgeplant. Es beginnt mit dem engen Einwickeln in der Geburtsklinik, geht über den festen Tagesablauf in Kita und Schule bis zum vorgegebenen Stundenplan an der Uni. Flexible Lernzeiten, freie Wahl der Vorlesungen? Fehlanzeige. Wer von den festgetretenen Pfaden abweicht oder gar in die Gegenrichtung steuert, wird oft fallen gelassen.

Wie Nikita. Seine Geschichte beginnt am 19. Dezember 2010. Da ist er 20, studiert Jura und lebt in Minsk. An diesem Tag finden die Präsidentenwahlen statt. Nikita geht wählen, danach ins Stadtzentrum. Die oppositionellen Kandidaten haben zu einer Demonstration gegen Wahlfälschungen aufgerufen. Sie haben keinen Zugang zu den staatlichen Medien und sind der Bevölkerung deshalb kaum bekannt. - Unabhängige Wahlbeobachter haben seit 1994 keine Wahl in Belarus als frei und fair eingestuft. - Nach unterschiedlichen Schätzungen sind zwischen 3 und 40 Tausend Menschen zur Demo gekommen. 

6 Atmo Video Demonstration 

Autorin:             Die Menschenmasse zieht durch die Straßen. Sie schreit: „Schiwe Belarus.“ Es lebe Belarus. 

7. O-Ton Nikita (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Man kann es nicht mit Worten beschreiben. Es gibt keine passenden Worte dafür. Die Menschen waren an etwas Großem und Wichtigen beteiligt. Sie haben gespürt, dass sie ein Volk sind, eine Nation. In dem Moment hatten wir das Gefühl, dass wir unsere Zukunft gestalten. Wir blickten auf den nächsten Tag, den 20. Dezember, mit dem Gedanken, es hängt von uns ab, wie dieser Tag wird.“ 

Autorin:             Der Platz der Unabhängigkeit ist voll mit Menschen. Auf den Amateurvideos auf YouTube sieht man, wie einige Männer die Glastüren des Regierungsgebäudes mit Stöcken einschlagen. Die Opposition bezeichnet sie später als Provokateure, die die friedliche Demo stören und einen brutalen Einsatz der Polizei rechtfertigen sollten. Die Polizisten versperren die Türen von innen mit Schränken. Die Demonstranten versuchen, den Eingang frei zu bekommen. Einer von ihnen ist Nikita. Er prallt mit der linken Schulter gegen einen massiven Schrank, der hinter dem Türrahmen steht. Nikita ist sich sicher: In diesem Moment werden dort die Wahlergebnisse gefälscht. Auf Nikita drücken von hinten dutzende andere Männer. Auf die Schränke und zurück, auf die Schränke und zurück. Wie eine Welle, die immer wieder gegen einen Felsen prallt. Nikita hebt den Kopf und schaut direkt in die Kamera. Seine Haare sind zerzaust, der Mund ist offen, der Blick ist wild.

Die Polizisten umzingeln den Platz. Willkürlich ziehen sie Menschen aus der Masse und stecken sie in die Polizeitransporter. Circa 700 Demonstranten landen darin. Auch Nikita. Zusammen mit 60 anderen Festgenommenen wird er ins Gefängnis in Schodino gefahren, denn in den Minsker Haftanstalten gibt es keinen Platz mehr. Das erzählt er mir später per Skype. 

8. O-Ton Nikita (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Es waren so viele Menschen im Wagen. Man hätte die Beine vom Boden heben können und wäre trotzdem nicht gefallen. Es gab kaum Luft. Einigen wurde schlecht. Ich dachte, ich werde für immer in diesem Bus bleiben.“ 

Autorin:             Die Stadt Schodino ist 60 Kilometer von Minsk entfernt. Das Gefängnis besteht aus sechs Gebäuden, die durch unterirdische Gänge miteinander verbunden sind. Die Häftlinge dürfen aus Sicherheitsgründen nur durch diese Tunnel geführt werden. 

9. O-Ton Nikita (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Ich kann mich erinnern, wie wir durch diese Unterführungen gegangen sind. Gefühlt einen Kilometer lang. Wir hatten sehr viel Durst. Als man uns in die Zelle reingelassen hat, konnten wir eine halbe Stunde lang nicht vom Wasserhahn weggehen. Wir haben gescherzt, dass wir alles Wasser in Schodino wegtrinken.“ 

Autorin:             In der Zelle für sechs Personen werden 20 Menschen untergebracht. Die Doppelstockbetten aus Metall sind an die Wand montiert. In der Mitte des Raums sind ein Tisch und zwei Sitzbänke in den Boden eingelassen. Die Wände und die Möbel sind gelb gestrichen. Der Alltag im Gefängnis ist hart. Um sechs Uhr morgens ist Weckruf. Danach darf man sich nicht mehr hinlegen. Nikita wird vorgeworfen, eine Straftat begangen zu haben: Teilnahme an Massenunruhen. Dafür sind bis zu acht Jahre Haft vorgesehen. Für die Untersuchungszeit soll Nikita in das berühmt berüchtigte Gefängnis Wolodarskogo in Minsk verlegt werden. Es ist eine Burg aus dem 19. Jahrhundert. Er schreibt einen Brief an seine Mutter. 

Sprecher:          „Hallo Mama. Heute ist der 2. Januar. Morgen wollen sie mich ins Wolodarskogo nach Minsk in die U-Haft bringen. Ich bin ein bisschen besorgt, es ist irgendwie unheimlich, dass ich dorthin gebracht werde. Neulich waren der Ermittler und die Rechtsanwältin da. Sie hat gesagt, dass du meine Briefe bekommen und viel geweint hast. Ich bitte dich, weine nicht. Ich weiß doch, immer wenn du weinst, lässt auch die Oma sich mitreißen.
Danke fürs Päckchen. Der grüne Tee ist sehr lecker. Vielen Dank für die Gürkchen und Tomätchen. Ich glaube, die sind von Tante Mascha. Sehr lecker. Das Neujahr habe ich sehr gut gefeiert. Es war ruhig. Du weißt doch, ich mag Ruhe. Wir haben Tee mit Schokolade getrunken und belegte Brote gegessen.“ 

Autorin:             Elena Lichowid zog ihren Sohn allein groß. Seine Verhaftung stellte ihr Leben auf den Kopf. 

10. O-Ton Elena Lichowid (Russisch, weiblich):

Sprecherin 4:   „Ich hatte das Gefühl, als ob man mir einen Teil der Seele herausgerissen hätte. Als ob man mir ein Stück Fleisch abgeschnitten hätte. Es tat ständig weh.“ 

Autorin:             Das Gefängnis Wolodarskogo liegt mitten in Minsk, hinter hohen Mauern versteckt. Nikitas Zelle war früher ein Pferdestall. Hohe Decken, keine Lüftung, schimmelnde Wände. Die Luft ist kalt und feucht. Seine Mitinsassen sind Räuber, Schläger, Wirtschaftsverbrecher. Drei Monate später finden Gerichtsverhandlungen statt. Nikita wird zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.
Er wird in die Strafkolonie der Industriestadt Nowopolozk gebracht. Sie liegt zwischen einer Ölraffinerie und einem Chemiewerk. Es riecht nach faulen Eiern. Nikita weigert sich, eine Verpflichtung zu unterschreiben, dass er die Forderungen der Anstaltsleitung erfüllen und sich bessern wird. Er behauptet, er sei kein Verbrecher und müsse sich nicht bessern. Dafür steckt man ihn in die Isolationszelle – eine Art „Gefängnis im Gefängnis“. Keine frische Luft, kein Kontakt zu den anderen Häftlingen, keine Zigaretten, keine Briefe. Dort verbringt Nikita die längste Zeit seiner Haft, auch seinen 21. Geburtstag. 

Musik Palina Respublika „Jak ty“ („Wie geht es dir“, Belarussisch) 

Sprecherin 1:   Wie geht es dir ohne mich?
Wie geht es mir ohne dich?
Das Herz des Menschen
sehnt sich nach der Heimat.
Ich scherze,
Aber alles in mir schreit.
Ich werde dich retten,
Aber weiß nicht wie.
(Eine Schwalbe flog am Himmel,
Erzählte mir, wo du jetzt bist.
Ich bestritt nichts,
Ich verliebte mich in deine Augen,
Während ich in den Himmel sah.
Meine Stimme habe ich, meine Würde.
Das ist mein Ort, das ist mein Land,
das liebe und einzige Land.
Das Bessere ist ganz nah, spüre ich,
Ich rette meine Flügel.
Bald wird alles gut,
Friedliche, freie Menschen.)
Wo ist das Herz der Heimat?
Im Wald? Im Haus? Oder in den Ziegelmauern?
Kränklicher Vogel am Himmel?
Der Geruch der Kräuter?
Meine Stimme habe ich, meine Würde.
Das ist mein Ort, das ist mein Land,
das liebe und einzige Land.
Das Bessere ist ganz nah, fühle ich,
Ich rette meine Flügel.
Bald wird alles gut,
Friedliche, freie Menschen. 

11. O-Ton Lena (Russisch, weiblich):

Sprecherin 2:   „Der Präsident hat sich doch nicht selbst zum Staatsoberhaupt erklärt. Es gibt Wahlen. Jeder Mensch kann abstimmen und seine Meinung äußern. Wenn aber die Mehrheit für ihn ist, dann bringen die Gegendemonstrationen nichts. Ich bin gegen die Demonstrationen, bei denen etwas zerschlagen, kaputtgemacht wird oder unschuldige Menschen verletzt werden. Es gibt doch Wahlen und jeder kann abstimmen.“

 Autorin:             Lena ist 16. In der Schule hat sie gelernt, dass Belarus ein demokratischer sozialer unitärer Rechtsstaat ist. So steht es in unserer Verfassung. Diesen Satz musste auch ich als Schülerin auswendig lernen. „In Wirklichkeit ist Belarus ein autoritärer Staat“, flüsterte uns die Lehrerin damals zu. „Aber das schreibt ihr nicht in der Klausur!“, fügte sie hinzu. Diese Stunde war eine Offenbarung für mich. Nach dem Schulabschluss habe ich Belarus verlassen, um in Russland und später in Deutschland zu studieren. Erst im Ausland merkte ich, dass in meinem Land Einiges schiefläuft. Zum Beispiel dass es dort keine Pressefreiheit gibt. Heute kann ich mir nicht vorstellen, in Belarus als Journalistin zu leben. 

7. Atmo Tschaussy 

Autorin:             Ich bleibe jedoch meiner Heimat verbunden. Mindestens einmal im Jahr fahre ich nach Tschausy. Das ist meine Heimatstadt. Sie hat zehn tausend Einwohner und liegt im Osten von Belarus, 70 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. In Tschaussy ändert sich nicht viel. Auf dem zentralen Platz steht nach wie vor eine Lenin-Statue. Der steinerne Proletarier-Führer blickt auf den Park, der tagsüber von den Krähen und abends von den Jugendlichen bevölkert wird. Die Häuserfassaden und die Zäune werden regelmäßig rosa, grün oder gelb gestrichen. Als ob man das Leben hier ein bisschen bunter machen möchte.
Die Schülerin Lena kommt auch aus Tschaussy. Wir spazieren an diesem heißen Sommertag durch die verschlafene Stadt. Die Straßen sind fast leer. Aus dem Bus steigen drei Mädchen in weißen Blusen und schwarzen Röcken. Sie sind etwa 10 Jahre alt. Sie tragen rotgrüne Pioniertücher und haben Blumen in der Hand. Wohin gehen sie? Es sind doch Sommerferien. Die Lehrerin habe sie gerufen, erzählen sie. Wozu, das wissen sie nicht. Wir gehen mit und kommen schließlich zum Massengrab der sowjetischen Kämpfer, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind: Dort stehen bereits etwa vierzig weitere Pioniere. 

8. Atmo Hymne Schweigeminute Umbettung 

Autorin:             Hier steht ein Ehrenmal aus Granit, das zwei Soldaten darstellt. Einer von ihnen hält ein Gewehr in der Hand. Der Andere kniet, sein Kopf ist gesenkt.
Die ganze Stadtspitze ist anwesend: Polizisten, Militär, Schullehrer und Priester. Der Bürgermeister ergreift das Wort. „Wir haben uns heute hier versammelt, um die sterblichen Überreste von elf sowjetischen Soldaten umzubetten, die bei der Befreiung unserer Stadt gestorben sind“, sagt er. Sie wurden nahe eines Dorfes gefunden. Er fordert zu einer Schweigeminute auf. 

8. Atmo hochziehen, freistehen lassen (Schweigeminute / Die Uhr tickt) 

Autorin:             Der Bürgermeister bedankt sich bei den toten Soldaten für den Frieden. Ein 16-jähriges Mädchen sagt: „Für uns Jugendliche ist es eine große Ehre, die Erinnerung an die Beschützer des Vaterlandes zu bewahren.“ Die Pionierinnen, die noch vor einer Stunde nicht wussten, dass sie an einer Umbettung teilnehmen würden, hören gebannt zu. Eine Lehrerin sagt feierlich, dass die Umbettung beginnt. Drei Soldaten richten ihre Gewehre in die Luft. 

8. Atmo hochziehen, kurz freistehen lassen (Schüsse) 

Autorin:             Auf dem Holztisch steht ein roter Sarg mit schwarzen Schleifen. Vier Soldaten senken ihn vorsichtig in die Grube. Der orthodoxe Priester schlägt das Kreuz darüber. Mehrere Frauen mit Kopftüchern beten. 

8. Atmo hochziehen, kurz freistehen lassen (Gebet) 

Autorin:             Während der ganzen Zeremonie halten Pioniere vor dem Ehrenmal Wache. Ich fühle mich wie auf einer Zeitreise in die Sowjetunion. Lena ist von der Zeremonie beeindruckt. 

12. O-Ton Lena (Russisch, weiblich):

Sprecherin 2:   „Das war unerwartet. Ziemlich patriotisch. Sie wurden nicht einfach so begraben. Alles war gut organisiert. So wie es sein soll. Mit einem christlichen Priester. Mit Respekt und Dankbarkeit für den Sieg. Es ist mehr als nur zu sagen: Niemand ist vergessen. Nichts ist vergessen.“

 

Musik Xenia Degelko „Ja iz derewni“ („Ich komme vom Dorf“)

 

Sprecherin 3:   Ich bin Aktivistin der Pioniere,
Was mit meinem Vaterland geschieht, ist mir nicht egal,
Ich bin bereit, das Land zu unterstützen!
Und die Heimat mit ehrlicher Arbeit zu preisen.
Ich bin mutig, geschickt und eine gute Schülerin
Und führe einen gesunden Lebensstil
Zigaretten und Alkohol müssen verboten werden
Damit die Menschen ruhig leben können.

Weg mit den Miniröcken! Den kurzen, engen.
Wir kaufen jetzt nur noch Belarussisches!
Aufrichtige Stadt, glückliche Gesichter,
Das sehe ich, davon träume ich.

 

13. O-Ton Xenia (Russisch, weiblich):

Sprecherin 3:   „Ich heiße Xenia Degelko. Ich gehe in die Schule Nummer 2 in die 10. Klasse. Ich bin 1999 geboren.“

 

9. Atmo Oktjabrskij Besuch

 

Autorin:             Ich besuche Xenia bei ihr zuhause in Oktjabrskij. Sie wohnt mit ihren Eltern in einem Haus hinter einem grünen Holzzaun. Ihre Mutter deckt den Tisch. „Ohne Tee gibt es kein Gespräch“, sagt sie und schneidet Wurst in Scheiben, füllt selbstgemachte Marmelade in Schälchen, schmiert Brote mit Butter und rotem Kaviar. Besuche von Journalisten sind nichts Ungewöhnliches in dieser Familie. 2012 wurde Xenias Lied „Ich komme aus dem Dorf“ auf YouTube berühmt, seitdem melden sich oft Reporter. Den Videoclip hat sie für den Jugend-Wettbewerb „Ich bin ein Leader“ aufgenommen, der von der patriotischen Jugendorganisation BRSM organisiert wurde. Mehrere Millionen Menschen schauten sich den Clip an.

 

Musik Xenia Degelko „Ja iz derewni“

 

Sprecherin 3:   Sport kommt an der ersten Stelle
Aktives Leben ist für alle interessant.
Baut einen Eishockeypalast in Oktjabrskij
Für unsere jungen und mutigen Herzen!

Lasst uns Phosphor und Kalium aus der Erde holen,
Damit die Landwirtschaft versorgt ist
Lasst uns die Heimatsiedlung ausbauen,
Hey, Jugendliche kommt mit mir!

 

14. O-Ton Xenia (Russisch, weiblich):

Sprecherin 3:   „Ich war geschockt. Ich bin quasi von einem Tag auf den anderen bekannt geworden. Das kam sehr plötzlich. Ich wachte auf und bekam Anrufe von einem Radiosender und mehreren Zeitungen. Alle wollten ein Interview mit mir. Ich war verwirrt, wusste nicht, was ich machen sollte. Ich war damals 13, war engagiert. Aber so etwas habe ich nicht erwartet und am Anfang habe ich Angst bekommen.“

 

Autorin:             Viele hinterlassen im Internet böse Kommentare. Zum Beispiel: „Ihr Gehirn ist weichgespült“, „Grüße an Nordkorea“ oder „Es wäre so lustig, wenn es nicht so traurig wäre“. Viele fragen sich: „Ist das Ironie oder meint sie das ernst?“ Ich richte diese Frage an Xenias Mutter.

 

15. O-Ton Elena Degelko (Russisch, weiblich):

Sprecherin 4:   „Wir haben uns bloß auf einen Kinderwettbewerb vorbereitet, und andere Menschen haben darin etwas Ernsteres gesehen. Im Text stimmt praktisch alles. Wir lieben dieses Land und Oktjabrskij.“

 

Autorin:             Für den republikanischen Wettbewerb „Ich bin ein Leader“ musste jede Stadt einen Jugendlichen als Kandidaten schicken. Xenia wurde ausgewählt, weil sie eine fleißige Schülerin und Leiterin der Pioniergruppe war. Ihr Auftritt wurde vom 33-jährigen Mitarbeiter der lokalen Kreativschule für Jugendliche vorbereitet.

 

16. O-Ton Andrej (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Irgendwelche andere Formen der Einflussnahme auf das Denken der Teenager wie Vorlesungen oder Bilder sind nicht effektiv. Der Rap mit seinem monotonen Rhythmus hypnotisiert einen und bimst den Text in das Bewusstsein ein. Das ist das Erfolgsgeheimnis dieses Liedes.“

 

Autorin:             Mehrere Lehrer schrieben am Text mit.

 

17. O-Ton Andrej (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Die erste Phrase, die mir in den Sinn kam, war: Ich bin Aktivistin der Pioniere, was mit meinem Vaterland geschieht, ist mir nicht egal. Weiter so, bla bla. Es ging schnell. Einige Zeilen gefielen meinen Kollegen nicht. Einen Kampf gab es um den Satz „Das Leben ist leichter und lustiger geworden.“ Irgendetwas störte sie daran.“

 

Autorin:             Stimmt denn das, was in dem Text steht?

 

18. O-Ton Andrej (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Ja, der Text ist richtig. Warum hat er dann vielen nicht gefallen? Ich vermute, dass die Utopie, die wir besungen haben, vielen als nicht glaubhaft vorkam. Ich weiß nicht warum. Wir alle wurden doch richtig erzogen. Oder ist die Staatsideologie nicht effektiv? Ich weiß es nicht. Wie kann das sein? Gehen wir seit 20 Jahren den falschen Weg? Ich bin kein Politologe, dass ich die Frage beantworten kann.“

 

Autorin:             Ich bin mir nicht sicher, ob Andrej das Lied im Sinne der Staatsideologie oder als eine Parodie darauf geschrieben hat. Anscheinend löste das auch beim KGB Zweifel aus. Die Geheimdienstler besuchten ihn jedenfalls in Oktjabrskij. Ihm wurde gesagt, dass sogar der Präsident den YouTube-Hit gesehen habe. Später wurde Andrej wegen eines anderen eindeutig ironisch gemeinten Lieds entlassen. Heute arbeitet er als selbständiger Fotograf. Xenia wurde zu einem Treffen mit Alexander Lukaschenko eingeladen.

 

19. O-Ton Xenia (Russisch, weiblich):

Sprecherin 3:

„Ich habe dort berichtet, welche Veranstaltungen die Pionier-Organisation durchgeführt hat. Was wir erreicht haben. Was nicht geklappt hat. Welche Pläne wir fürs nächste Jahr haben. Andere Jugendliche haben auch berichtet. Zum Beispiel die Eurovision-Sängerin Lanskaja. Die goldene Jugend von Belarus war da. Wir wurden vom Präsidenten empfangen.“ (kichert)

 

10. Atmo Xenia und Mutter

 

Autorin:             Wenn ich die Schülerin nach ihrem Eindruck vom Präsidenten frage, wirkt sie verlegen. Ihre Mutter antwortet für sie: „Gut. Positiv.“ Als talentiertes Mädchen habe Xenia Geschenke vom Präsidenten bekommen, fügt sie hinzu.

 

Musik Xenia Degelko „Ja iz derewni“

 

Sprecherin 3:   Lasst uns Danke sagen für Brot auf den Feldern,
für das gute Leben in den Dörfern,
Wir verstärken die Anstrengungen der Menschen,
das Leben wird leichter und lustiger.

Es gebe Stabilität! Ich komme vom Dorf.
Ich liebe die Heimat! Ich bin ein Leader!

11. Atmo Oktjabrskij Führung

 

Autorin:             Xenia zeigt mir ihr Städtchen. Etwa zehn Tausend Menschen leben hier. Oktjabrskij ähnelt sehr meiner Heimatstadt Tschaussy. Die Straßen sind auch hier sauber, die Zäune frisch gestrichen. Auf einem Plakat lächeln Frauen in Nationaltrachten. „Das Land meines Glücks“, steht darauf. Auf einem anderen Plakat legen Soldaten stolz ihr feierliches Gelöbnis ab. Darunter steht: „Es gibt einen Beruf, die Heimat zu beschützen“. Ist die Utopie aus Xenias Lied doch real? Wir gehen in die Schule von Xenia. Im ersten Stock hängt auch ein Plakat. Darauf steht: Pioniergruppe von Wowa Iwanow.

 

20. O-Ton Xenia (Russisch, weiblich):

Sprecherin 3:   „Wowa Iwanow war ein Junge, der sich im Großen Vaterländischen Krieg geopfert hat. Er kämpfte gegen die Faschisten. Sie wollten ihn in Gefangenschaft nehmen. Er hatte nur noch eine Kugel in seinem Gewehr und hat sich selbst umgebracht, um nicht lebendig gefangen zu werden. Er war 14 Jahre alt. Er war ein Held.“

 

Autorin:             War ich mit 16 genauso naiv und regimetreu wie Xenia? Als Kind wurde ich in die Pioniergruppe aufgenommen. Das störte mich nicht. Zum Glück war die Staatsideologie damals nicht so allgegenwärtig wie heute. Wir Kinder der Perestrojka hatten Glück, dass wir die Luft der Freiheit schnuppern konnten. Es war eine Impfung gegen die spätere Resignation. In meiner Jugend gab es bereits keinen sowjetischen Komsomol und noch kein belarussisches Pendant BRSM, die Belarussische Republikanische Jugendunion. Das ist die regierungstreue Organisation für Jugendliche im Alter zwischen 14 und 30 Jahren.
Xenia leitet heute die BRSM-Gruppe in Oktjabrskij. Ihre Aufgabe ist, den Schülern zu erklären, was gut und was böse ist. Sowjetische Helden sind gut. Alkohol, Drogen und Zigaretten sind böse. Während der Wahlkampagne machen die Mitglieder der BRSM Werbung für den Kandidaten Alexander Lukaschenko und sammeln Unterschriften für ihn. Bei der Abstimmung und Auszählung sind sie als Wahlbeobachter dabei. Ich frage mich, wie unabhängig sie beobachten können, wenn sie den regierenden Präsidenten unterstützen und vom Staat finanziert werden? Die Mitgliedschaft bei der BRSM hat Vorteile. Xenia war zum Beispiel vor kurzem in einem Ferienlager, das kostete sie nichts. Bei der Aufnahme an eine Hochschule wird sie im nächsten Jahr als BRSM-Mitglied bevorzugt. Xenia möchte Kulturmanagement studieren. Sie will sich später selbständig machen und Feste organisieren. Wenn sie ein Rädchen im System bleibt, könnte es vielleicht gut gehen. Ich kenne aber viele, die nach einer Firmengründung Probleme mit den belarussischen Behörden bekamen. Ein eigenes Geschäft in einem Land mit Planwirtschaft zu führen, ist nicht einfach.

 

Musik LunClan „BRSM“

 

Autorin:             In dem ironischen Lied der Band „LunClan“ geht es um die Vorteile, die eine Mitgliedschaft bei der Jugendorganisation BRSM mit sich bringt. Dort gebe es Vieles für lau und viel Geld. Man müsse nicht arbeiten. Man würde von den Mädchen geliebt und von den Jungs respektiert. Einer rappt, er sei ein Teenager ohne irgendwelche Macken. Nein, du bist Mitglied bei BRSM, erwidern die Anderen. Um von der Mitgliedschaft zu profitieren, müsse man Studenten verpetzen, auf dem Grab der Demokratie tanzen und die Opposition durch den Dreck ziehen.

 

21. O-Ton Nikita (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Uns wurde in der Schule gesagt, dass wir dringend der BRSM beitreten sollen. Dass uns das später bei den Aufnahmeprüfungen an der Uni helfen wird. Ich hatte aber keine Lust, an irgendwelchen Versammlungen und Veranstaltungen teilzunehmen. Nach der Schule wollte ich lieber Fußball spielen. Vor den Präsidentenwahlen 2006 war ich in der neunten Klasse. Da wurde der Druck auf die Jugendlichen erhöht. Alle sollten Mitglied in der BRSM werden. Ich bin aber nicht beigetreten. Mein Gewissen ist also rein.“

 

Autorin:             Der politische Gefangene Nikita war bereits als Kind skeptisch gegenüber der offiziellen Propaganda. Den YouTube-Clip von Xenia Degelko bezeichnet er als „Trash“ und „Hit der vaterländischen Psychiatrie“.

Neun Monate nach seiner Verhaftung am Wahlabend wurde er vorzeitig entlassen. Der Präsident begnadigte Nikita zusammen mit zehn anderen politischen Gefangenen. Eigentlich sollte er dreieinhalb Jahre in Haft verbringen. Die Wirtschaft des Landes ging den Bach runter, die Regierung hoffte auf Kredite aus dem Westen. Da schadete eine schlechte Presse. Nikita wurde auf dem nächstgelegenen Bahnhof abgesetzt.

 

22. O-Ton Nikita (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Meine ersten Gedanken waren: Die Tasche in ein Schließfach stellen, eine Telefonzelle finden und zuhause anrufen. Aber als Allererstes: normale Zigaretten besorgen.“

 

Autorin:             Ich frage Nikita, wann er sich wieder frei gefühlt hat.

 

23. O-Ton Nikita (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Was bringt es, einen Menschen in einen Käfig einzusperren? Wenn ein Mensch wie ein Sklave lebt, dann bleibt er auch im Freien ein Sklave. Wenn ein Mensch frei ist, dann bringt es auch nichts, ihn bis auf den Kopf in den Asphalt einzurollen. Er bleibt trotzdem frei. Ich habe mich nicht unfrei gefühlt. Ich war freier als viele meine Aufseher.“

 

Autorin:             Im Gefängnis hat Nikita 20 Kilo, seinen Studienplatz und seine Lebensfreude verloren. Nach der Entlassung war er nachdenklich und misstrauisch, erinnert sich seine Mutter. Vier Jahre sind inzwischen vergangen. Jetzt kann Nikita über seine Haftzeit lachen. Er nennt sie „spannende Lebenserfahrung“.
Ironie des Schicksals: Heute landet der 25-Jährige oft freiwillig hinter Gittern. Nicht als Gefangener, sondern als Kontrolleur. Er arbeitet in der Organisation „Platforma“, die sich für die Rechte von Häftlingen einsetzt. Gegründet hat sie 2011 ein Unternehmer, der inzwischen zu drei Jahren Haft wegen Rowdytum verurteilt wurde. Finanziert wird die Organisation laut Angaben der neuen Chefin ausschließlich aus projektbezogenen Drittmitteln. Als Menschenrechtler verdient Nikita nur etwa ein Viertel von dem, was sein Freund bekommt, der Kunststofffenster herstellt. Der Kumpel versucht Nikita zu überreden, in seine Firma zu wechseln. Doch die Arbeit für die Gefangenen ist Nikita wichtiger als ein gutes Gehalt.

 

24. O-Ton Nikita (Russisch, männlich):

Sprecher:          „Ich helfe nicht ihnen, sondern mir selbst. Wenn sie morgen rausgehen, landen sie im Nirgendwo. Niemand wird sie einstellen. Alle haben Angst vor ihnen. Es gibt keine Programme für Resozialisierung. Das Einzige, was sie machen können, ist, Verbrechen zu begehen, zu klauen, zu rauben, zu töten. Das ist das Problem. Ich helfe mir und meinen Angehörigen, damit sie das nicht trifft.“

 

12. Atmo Platforma

 

Autorin:             Die Mutter von Nikita, Elena Lichowid, teilt das Büro mit ihrem Sohn. Nach seiner Entlassung kündigte sie ihren alten Job bei einem Spielzeughersteller. Nun ist sie für die Kommunikation mit den Verwandten der Gefangenen bei „Platforma“ zuständig. In der oppositionellen Presse wird „Platforma“ dafür kritisiert, dass sie mit dem Regime zusammenarbeite und sich nicht genug um politische Gefangene kümmere. Nikita hält nichts von den Oppositionellen in Belarus. Er gibt ihnen die Schuld an den Massenverhaftungen im Dezember 2010. Tausende Menschen wären ihrem Aufruf gefolgt und seien zur Demo gekommen. Aber die Organisatoren hätten keinen Plan gehabt, was sie der Willkür der Polizei entgegensetzen könnten und hätten die Demonstranten im Stich gelassen. Trotzdem geht Nikita nach wie vor zu einigen Protestaktionen. Sie sind jetzt aber anders als früher, meint seine Mutter.

 

25. O-Ton Elena Lichowid (Russisch, weiblich):

Sprecherin 4:   „Ich erinnere mich an die Zeiten, als Nikita 16 oder 15 war. Wir gingen zum Tag der Freiheit, zum Jahrestag von Tschernobyl. Da waren tausende Menschen. Und heute? Eine Handvoll Jugendliche ist da. Wenn sie durch die Straßen ziehen, stoßen ein paar Menschen dazu. Aber die Reihen sind gelichtet. Es gibt keine Energie.“

 

Autorin:             Ich erinnere mich an den Moment, als ich Nikita zum ersten Mal gesehen habe. Das war bei einer Protestaktion im Oktober 2011 in Minsk, drei Wochen nach seiner Entlassung. Er ging die Straße entlang, umringt von mehreren Jugendlichen. Ein vorbeifahrendes Auto hupte. „Nikita, du bist unser Held“, schrie jemand aus dem Autofenster. Vier Jahre später sieht Nikita nicht wie ein Held aus, sondern wie ein junger Mann, der bloß versucht klarzukommen. Die Haft hat ihn zwar nicht gebrochen. Aber er scheint desillusioniert. Er glaubt an nichts mehr. Wenn ich ihn über seine Zukunft frage, zuckt er mit den Schultern und antwortet mit dem Sprichwort: Erzähle Gott von deinen Plänen, er wird darüber lachen.
Ich frage Nikita, ob er nächstes Mal wählen geht.

 

26. O-Ton Nikita (männlich, Russisch, 4 Sek.):

Sprecher:          „Wenn man mich nicht einsperrt, ja.“

 

Autorin:             Abstimmen würde er gegen alle.

 

Musik Palina Pespublika „Twitter“ (Belarussisch)

 

Sprecherin 1:   Jeder Tag kommt langsam
Kopf runter wie gezwungen
Ich stehe wie auf einem Bein
Mitten im Winter
Etwas verwirrt
Himmel wie Feuer, Wind wie Wasser,
Wer hat meinen Mond verwechselt
Nasser Pulli, tippe in Twitter
Grüße an Freunde
Mehr Buchstaben pro Minute
als Tage im Jahr
Ich verlasse die Heimat – bereue es, bereue es,
Ganz wild und wütend
Wer mag mich so?

 

27. O-Ton Lena (Deutsch, weiblich):

Sprecherin 2:   „Wir leben in der Republik Belarus oder Weißrussland, wie die Deutschen sagen. Unsere Republik liegt im östlichen Mittel Europas. Sie grenzt im Osten an Russland, im Süden an die Ukraine, im Norden an Litauen und Lettland. Ihr westlicher Nachbar in Polen. Die Bevölkerung der Republik zählt mehr als neun Millionen Einwohner. Die belarussische Sprache gehört wie die russische und ukrainische zur Gruppe der ostslawischen Sprachen.“

 

Autorin:             Die Schülerin Lena träumt davon, nach Deutschland auszuwandern. Deswegen lernt sie Deutsch. Sie sitzt am Tisch in ihrem Zimmer in der Internatsschule Nummer eins der Stadt Mogiljow. Vor ihr liegt das Heft, von dem sie den Text abliest. Sie muss ihn auswendig lernen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Vor zwölf Jahren lernte auch ich hier. So wie Lena musste ich die so genannten Themen im Deutschunterricht auswendig lernen. Sie hießen: „Mein Lebenslauf“, „Die Jahreszeiten“ oder einfach „Sport“. Die Texte wurden von der Lehrerin geschrieben. Wir mussten sie zuhause auswendig lernen und in der Klasse vorsprechen. Frei auf Deutsch reden lernten wir nicht.

 

13. Atmo Deutschunterricht

 

Autorin:             Der Deutschunterricht ist heute besonders: Zwei ehemalige Schülerinnen sind zu Besuch – Alyona und ich. Wir beide leben heute in Deutschland. Alyona absolviert ihr Medizin-Studium in Köln, ich arbeite als Journalistin. Die Lehrerin fordert die Schüler auf, Fragen an uns zu stellen.

 

28. OT Deutschunterricht Dialog (Deutsch)

Schüler: „Was gefällt dir in der Deutschland?“
Medizinstudentin Alyona: „Ich denke, die Möglichkeiten für eigene Entwicklung, die dieses Land einem bietet. Es gibt deutlich mehr Möglichkeiten, die einem zur Verfügung stehen, um irgendwas zu erreichen oder irgendwas zu werden, was du werden willst.“

 

Autorin:             Lenas Traumstadt ist Köln. Sie ist zwar noch nie dort gewesen. Aber sie hat Bilder davon im Deutschunterricht gesehen.

 

29. O-Ton Lena (Russisch, weiblich):

Sprecherin 2:   „Meine Assoziation mit Deutschland ist unendliches Weihnachten. Wir haben Bilder gesehen, Vorträge gehalten, deutsches Essen zubereitet. Plätzchen, Strudel, Brötchen. Sie feiern anders als wir. Sie nehmen das irgendwie ernster. Bei uns gibt es nur einen Tannenbaum, sonst nichts Besonderes. Die Deutschen gehen aber auch in die Stadt zum Feiern, stimmt’s? An Deutschland mag ich Feste, Architektur und die Menschen. Sie sind pünktlich und ernsthaft. Man sagt zwar, dass die Deutschen keinen Humor haben. Aber ich glaube, sie sind sehr fröhlich.“

 

Autorin:             Lena sagt, sie mag Belarus. Doch hier würde sich nichts ändern. Sie möchte mehr von der Welt sehen. Sie hat einen Plan.

 

30. O-Ton Lena (Russisch, weiblich):

Sprecherin 2:   „Als erstes will ich viel lernen, die Schule absolvieren, an die Uni gehen. Wenn ich dann gut Deutsch kann, kann ich nach Deutschland fahren. Vielleicht verbinde ich es mit der Arbeit. Ich will Übersetzerin werden und verschiedene Städte besuchen. Ich glaube, Köln wird dabei sein.“

 

Autorin:             An schulfreien Tagen besucht Lena ihre Mutter in ihrer Heimatstadt Tschaussy. Ihr Vater arbeitet auf dem Bau in Russland. Er kommt nur für ein paar Tage im Monat nach Hause und bringt Geld mit. Lenas ältere Schwester arbeitet in einer größeren Stadt und sieht ihren Sohn nur an den Wochenenden. Den zieht Lenas Mutter Natalia groß, die bereits in Rente ist. Sie findet, dass die Jugendlichen in Belarus es heutzutage schwer haben.

 

31. O-Ton Natalia (Russisch, weiblich):

Sprecherin 4:   „Nehmen wir als Beispiel unsere Stadt. Man baut hier neue Wohnungen, ganze Siedlungen. Aber wer soll darin wohnen? Es gibt keine Arbeit für unsere Kinder. Alle Werke wurden geschlossen. Wozu die Häuser? Wir haben für unsere ältere Tochter eine Zweizimmerwohnung gekauft und sie dann dem Staat zurückgegeben. Es gibt hier keine Arbeit. Mit ihrem Diplom kann sie hier nichts anfangen.“

 

Autorin:             Der Durchschnittslohn beträgt in Belarus laut offiziellen Angaben etwa 380 Euro im Monat. In Tschaussy verdienen die Meisten deutlich weniger. Eine Erzieherin bekommt zum Beispiel rund 180 Euro, ein Wächter 120 Euro im Monat. Die Lebensmittel kosten fast genauso viel wie in Deutschland. Viele bauen selbst Obst und Gemüse an und halten Tiere, um zu überleben. Einige fahren als Gastarbeiter nach Russland. Natalia meint, dass ihre Jugend in der Sowjetunion deutlich entspannter war.

 

32. O-Ton Natalia (Russisch, weiblich):

Sprecherin 4:   „Mit 20 wurde ich nach dem Uniabschluss in diese Stadt geschickt. Ich habe als Lehrerin gearbeitet und war in der Jugendorganisation Komsomol tätig. Alles war gesichert, unsere sowjetische Währung war stabil. Wir lebten normal und wussten, dass wir in die Ukraine fahren und Urlaub auf der Krim machen konnten. Jetzt gibt es das alles nicht mehr.“

 

Autorin:             In Belarus gibt es doch auch Stabilität, erwidere ich: Der gleiche Präsident seit mehr als 20 Jahren.

 

33. O-Ton Natalia (Russisch, weiblich):

Sprecherin 4:   „Meine persönliche Meinung… Ich habe keine Angst. Wie man bei uns sagt: Hauptsache, es gibt keinen Krieg und Chaos wie in der Ukraine. Die Wahlen sind den Menschen hier egal. Dass die Lebenskosten steigen, ist ihnen auch egal. Lukaschenko wird solange an der Macht bleiben, bis er alt wird. Wie Breschnew.“

 

Autorin:             Natalia fände es gut, wenn ihre Tochter im Ausland leben würde. Ich glaube, dass Lena es schaffen könnte. Sie ist zielstrebig und lernfähig. Sie kennt zwar nichts anderes als Belarus, aber intuitiv weiß sie, dass es etwas Besseres gibt, wo sie ihre Fähigkeiten entfalten könnte. Das wäre schön für Lena. Und schlecht für Belarus, das viele kluge Jugendliche verlassen.

Autorin:             Die Generation Lukaschenko flüchtet: ins Ausland, ins Internet oder ins Privatleben.

 

Musik Palina Respublika „Wossen“ (Herbst) drunterlegen

 

Autorin:             Doch es gibt Hoffnung: Einige bleiben in Belarus und wollen es voranbringen. Wie die Sängerin Palina Respublika mit ihrer Musik und der Liebe zur belarussischen Sprache. Sie fühlt sich in Minsk „wie ein Baum in der Erde“, sagt sie. Sie hat hier Wurzeln geschlagen. Palina hat geheiratet und ist schwanger.

 

34. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

Sprecherin 1:   „Für meine Freunde war es ein Riesenschock. Wir sind doch erst 20. In diesem Alter sind nicht alle bereit, sowas zu begreifen. Wir waren Kinder, Kinder, Kinder. Und plötzlich… Es war schon klar, dass man irgendwann Familie, Ehemann und Kinder haben wird. Aber es schien alles in ferner Zukunft.“

 

Autorin:             Palina ist besorgt, dass sie sich nach der Geburt ihres Babys als Sängerin nicht mehr weiterentwickeln kann. Sie hofft auf die Unterstützung ihrer Familie. Schließlich war ihre Mutter auch erst 21, als sie geboren wurde. Oma und Opa zogen sie groß.

 

35. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

Sprecherin 1:   „Ich habe immer noch keine Prioritäten gesetzt und keinen endgültigen Lebensplan entworfen. Ich erledige erst einmal das, was ansteht. Ich bringe im Mai mein Album heraus und mache im Juni den Uniabschluss. Mal schauen, wie es dann weitergeht. Ich glaube, die neuen Umstände bringen uns bei, wie wir damit umgehen können.“

 

14. Atmo Präsentation Leto

 

Autorin:             Das erste Album von Palina ist endlich fertig. Es heißt „Bjaskonzy Krasawik“, „Unendlicher April“. Seine Präsentation ist ein großer Erfolg. Der Saal ist voll. Palina trägt ein weites gelbes Kleid. Wie ein Küken sitzt sie auf einem Barhocker auf der Bühne – das Mikrofon in der Hand. Im Foyer verkauft ihr jüngerer Bruder ihre CDs. Ein Stück kostet umgerechnet knapp sieben Euro. Produziert wurden erstmal nur 300 Stück. Palina hat keinen Plattenvertrag. Die drei Tausend Euro für die Studioaufnahmen und die Produktion hat sie geschenkt bekommen. Palina ist stolz auf ihre erste Platte. Mit diesem Album macht sie einen Strich unter die sorgenfreien jungen Jahre, sagt sie.

 

36. O-Ton Palina (Belarussisch, weiblich):

Sprecherin 1:   „Endlich, zum ersten Mal seit fünf oder sechs Jahren, kann man das Ergebnis unserer Arbeit in der Hand halten. Die ganze Zeit hatte ich alles überdacht, überarbeitet. Es war immer ein Prozess, jetzt gibt es ein Ergebnis. So etwas gab es noch nie. Ich bin sehr froh darüber.“

 

Autorin:             Drei Monate später bringt Palina ihren Sohn zur Welt. Vielleicht wird er einmal unter einem anderen Präsidenten aufwachsen.

15. Atmo Konzertaufnahme „Schlaflied“

Sprecherin 1:    Nachdenken spät am Abend
Wohin weiter gehen?
Wer sein? Was werden?
Um Volkes Stimme zu sein
Nachdenken den ganzen Abend
Gespräche über Nichts
Gespräche über etwas Konkretes
Sogar bereits Greifbares
Was ist hier los?
Alles ist einfach
Mama, ich verspreche dir Sterne
Was ist hier los?
In zehn Jahren werde ich selbst Mutter
Und verstehe alles
Und verstehe alles.

(Gespräche, Gespräche
Wer macht das Angebot?
Herz oder Alter?
Ist es besser, erwachsen zu sein?
Nachdenken spät am Abend
Morgens stehst du auf
Dann reden wir
Jetzt schlaf ein
Was ist hier los?
Alles ist einfach
Mama, ich verspreche dir Sterne
Was ist hier los?
In zehn Jahren werde ich selbst Mutter
Und verstehe alles.)

 

 

Absage:             Generation Lukaschenko
Die Jugend in Weißrussland
Ein Feature von Olga Kapustina
Es sprachen:
Ton und Technik:
Regie: Hannelore Hippe
Redaktion: Wolfram Wessels
Eine Produktion des Südwestrundfunks mit dem Deutschlandfunk 2015.

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