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29 Dec

Brigitte Geiselhart (Germany)
Südkurier, 28.9.2015

Vom Diktator zum umjubelten Volkshelden / Zwei Städte als Partner

Vom Diktator zum umjubelten Volkshelden

  • Die Politik von Alexander Lukaschenko ist kompromisslos
  • Doch die Bevölkerung steht hinter dem Präsidenten
  • Damit ist die Wahl in Weißrussland wohl Formsache

Von Brigitte Geiselhart

Olegs Interesse galt schon immer der Wissenschaft. Für Politik hat sich der 45-jährige Hochschulprofessor aus Weißrussland früher nie interessiert. Doch das hat sich jetzt gründlich geändert. „Wir wollen keine Unruhen, wir wollen keinen Maidan. So etwas wie in der Ukraine kann bei nicht passieren“, ist er sich sicher. „Dafür sorgt unser Präsident Alexander Lukaschenko. Auf ihn können wir uns verlassen.“

Polozk im Frühherbst 2015. Das 25-jährige Jubiläum der Freundschaft mit Friedrichshafen wird gefeiert. Die mit mehr als 1150 Jahren älteste Stadt Weißrusslands und der High-Tech-Standort vom Bodensee, das hat im vergangenen Vierteljahrhundert gut zusammengepasst. Beide Seiten zeigen sich in Festtagslaune. Man kennt sich, man schätzt sich. Und man hat sich viel zu erzählen. Ein Thema bleibt allerdings wie immer ausgespart. „Verwickeln Sie die Menschen nicht in politische Gespräche“ – diesen Rat haben die Polozk-Reisenden auch diesmal wieder von der Friedrichshafener Stadtverwaltung mit auf den Weg bekommen. Über die große Politik spricht man eben nicht in Weißrussland – schon gar nicht mit Gästen aus dem westlichen Ausland und zumindest nicht offiziell. Was allerdings hinter vorgehaltener Hand und im privaten Rahmen erzählt wird, lässt zumindest vermuten, dass der einstmals von vielen ungeliebte Diktator Lukaschenko inzwischen ungeahnten Rückenwind aus allen Teilen der Bevölkerung verspüren darf. Sein autoritärer Regierungsstil, seine kompromisslose Politik gegenüber dem Westen scheinen gerade in diesen Zeiten gut anzukommen.

 

 „Ja, in meinem Bekanntenkreis ist inzwischen niemand mehr, der Lukaschenko nicht unterstützt“, sagt die 27-jährige Ingenieurin Olga. Früher war sie ihrem Präsidenten gegenüber äußerst kritisch eingestellt, doch heute hat sie Gefallen an seiner Rolle als „starker Mann“ Weißrusslands gefunden. „Wir wollen keine unsicheren Zustände, wir wollen Frieden in unserem Land Wir brauchen auch keine Schwulen und Lesben, die auf der Straße für Gleichberechtigung demonstrieren“, betont Olga mit Nachdruck.  Natürlich weiß sie, dass es zur weißrussischen Tagesordnung gehört, dass Homosexuelle gemobbt und auf offener Straße verprügelt werden. „Das ist sicher nicht in Ordnung“, räumt Olga ein. „Aber wie ich aus unseren Nachrichten erfahren habe, erklärt ihr in Deutschland schon Kindern im Kindergartenalter, dass alle sexuellen Neigungen erlaubt und sogar als gleichwertig zu betrachten seien. Ist das vielleicht besser?“ „Außerdem ist eure Politik eindeutig von den Amerikanern abhängig. Tolle Freunde habt ihr, die euch sogar abhören und ausspionieren“, ergänzt ihr Mann Anatol und zeigt stolz das Konterfei seines Vorbilds Alexander Lukaschenko, das neben Wladimir Putin als Magnet am Kühlschrank prangt. Olga verdient überdurchschnittlich gut, umgerechnet 650 Euro im Monat. Ihr Mann, der sich als Allround-Handwerker selbständig gemacht hat, hat kein regelmäßiges Einkommen und jobbt nebenher als Hausmeister. Aufträge seiner Kunden lässt er sich aber in US-Dollar ausbezahlen – seit Jahren eine weißrussische Zweitwährung, nicht offiziell erlaubt, aber Gang und Gäbe in einem Land, in dem sich die Inflationsrate im hohen zweistelligen Bereich bewegt. Auch Anatol und Olga brauchen harte Devisen, um sich ihre Wünsche zu erfüllen. Ein klappriges altes Auto haben sie, aber von einem gebrauchten BMW wollen sie nicht nur träumen. „Ich hoffe, dass wir die dafür nötigen 10 000 Dollar irgendwann zusammenbringen“, meint Olga. Zufrieden mit ihrer Situation zeigt sich auch Iryna als Redakteurin einer wöchentlich erscheinenden Zeitung. Der Frage nach den Verdienstmöglichkeiten und der Lebensqualität weißrussischer Journalisten weicht sie höflich aber bestimmt aus. Dass ihr eigentlicher Chef der Staat ist, das gibt sie aber gerne zu und ist gleichzeitig erstaunt darüber, dass die journalistischen Uhren in Deutschland ganz anders ticken. Mangels Möglichkeit an überregionale Meldungen heranzukommen, beschränkt sich ihre Zeitung aufs Lokale. Presseagenturen, womöglich sogar internationale – vermisst sie nicht.

 

In Polozk hat sich in den vergangenen 25 Jahren vieles geändert. Alles ist bunter und freundlicher geworden. Die Fassade stimmt, jedenfalls im Stadtzentrum. Rund um die großen Plätze sind Straßencafés wie Pilze aus dem Boden geschossen. Man genießt sein Bier, den Burger, den Kaffee Americano. Elegante Schönheiten flanieren im Minirock und High Heels auf und ab. Jeden Samstagnachmittag posieren superschicke Brautpaare in Hollywood-Manier an Brücken und anderen Plätzen – neben riesigen Stretchlimos oder gigantischen SUV’s. Nicht geändert hat sich allerdings der Blick der Leninstatue, die auf der Karl-Marx-Allee die Richtung weist. Gleich geblieben scheinen auch die hoffnungsleeren Gesichter der alten Leute zu sein, die sich als Straßenkehrer verdingen oder auf dem Markt all das feil bieten, was sie übrig haben, um so ihre kärgliche Rente ein wenig aufzubessern.

Oleg wohnt zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in einem schäbigen Studentenwohnheim, weil er sich eine andere Wohnung nicht leisten kann. Als hochgeschätzter Professor verdient er in seiner postkommunistischen Heimat weit weniger als die Hälfte dessen, was ein Industriearbeiter nach Hause bringt. Olga und Anatol wurde nach jahrelanger Wartezeit eine kleine Einzimmerwohnung zugeteilt, davor lebten sie mit Olgas Eltern zusammen in deren Dreizimmer-Wohnung. Wenn das junge Ehepaar weiter fleißig spart, klappt es vielleicht im nächsten Jahr mit der lange ersehnten einwöchigen Flugreise in die Türkei. „Mir gefällt mein Beruf“, sagt Iryna fast trotzig. „Wer als Journalist mit unseren Arbeitsbedingungen nicht klar kommt, kann jederzeit in einen anderen Beruf wechseln.“

Wie viele andere Weißrussen glauben auch Oleg, Olga, Anatol und Iryna nicht an einen politischen Umschwung in Weißrussland. Trotz aller Einschränkungen, trotz aller Repressionen, mit denen sie Tag für Tag kämpfen müssen, haben sie daran auch kein Interesse. Sie haben gelernt, sich zu arrangieren und haben Angst vor Veränderung. Mit ihrer Stimme kann der Diktator bei den Präsidentschaftswahlen am 11. Oktober auf jeden Fall rechnen. „Natürlich gewinnt Lukaschenko“, sagt Oleg. „Diesmal muss er nicht mal die Wahlen fälschen.“ Vor ein paar Jahren wurde in Polozk ein Denkmal eingeweiht, das die Stadt als geografischen Mittelpunkt Europas ausweist. Politisch gesehen scheint Weißrussland von Europa heute entfernter zu sein denn je. 

Bilder: Geiselhart

Zwei Städte als Partner

Friedrichshafen und Polozk sind seit 25 Jahren partnerschaftlich verbunden und leben diese Freundschaft in vielen Bereichen

Von  Brigitte Geiselhart (ght)

Der Grundsatzentschluss, eine Partnerstadt in der damaligen UdSSR zu suchen, wurde im Friedrichshafener Gemeinderat bereits 1985 getroffen – die Wahl fiel 1988 auf die weißrussische Stadt auf Polozk.  Am 26. Mai 1990 wurde der Partnerschaftsvertrag von beiden Stadtoberhäuptern unterzeichnet. Die Bereitschaft, den notleidenden Menschen in Polozk helfen zu wollen, gewann in Friedrichshafen schnell eine begeisternde Dynamik. Die Liste der Initiativen reichte von Kleidersammlungen, Lebensmittelspenden, Medikamenten und medizinischen Geräten bis zu kompletten Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeugen. Jahrelang spendete Karl Fränkel jeweils 100000 Tafeln Schokolade und 100000 Liter Speiseöl – ein Geschenk, das jedem einzelnen Polozker Bürger zugute kam. Mit der „Aktion Herzkind“ wurde schwerkranken  Polozker Kindern in Deutschland geholfen,  Praktikanten durften in Häfler Betrieben ihre beruflichen Qualifikationen verbessern. Unvergessen sind die Tränen  in den Augen vieler Rentner, Arbeitsloser oder Alleinerziehender, als sie an Weihnachten den sehnsüchtig erwarteten Geldumschlag aus Friedrichshafen in Empfang nahmen. Unvergessen aber auch die bürokratischen Hürden und Zollschikanen, die von Friedrichshafener Seite immer wieder in Kauf genommen werden mussten. Die Partnerschaft mit Polozk wurde stets von vielen Schultern getragen, nicht zuletzt von den Partnerschaftsvereinen, auch von der katholischen Kirche. 1997 konnte dank vielfältiger Häfler Hilfe St. Babola als erste katholische Kirche in Polozk eingeweiht werden. Ein Meilenstein in der Geschichte der Städtepartnerschaft war das von Friedrichshafen geförderte und vorangetriebene Projekt  „Gesundes Wasser für Polozk“, das nach vielen Höhen und Tiefen 2008 mit der Eröffnung eines neuen Wasserwerks sein Happy End fand. Dass eine nachhaltige und zukunftsfähige Städtepartnerschaft über die bloße humanitäre Hilfe hinausgehen und städtepartnerschaftliche Visionen auch in der jungen Generation verankern muss, diese Idee liegt dem Journalismuswettbewerb „Polozk schreibt für Friedrichshafen“ zugrunde, den der SÜDKURIER vor zwei Jahren zusammen mit Projektpartnern initiierte und durchführte. Alle teilnehmenden Deutsch-Studenten aus Polozk wurden im vergangenen Jahr an den See eingeladen. Die erste Preisträgerin absolvierte ein vierwöchiges Praktikum in der Häfler Lokalredaktion des SÜDKURIER.

Das Land und sein Präsident

Präsident Alexander Lukaschenko regiert Weißrussland seit 1994 mit harter Hand. Er ist  Europas am längsten regierendes Staatsoberhaupt. In westlichen Medien wird der 60-Jährige nicht selten als „Letzter Diktator Europas“ bezeichnet. Weißrussland ist auch der letzte Staat in Europa und der ehemaligen Sowjetunion, in dem nach wie vor die Todesstrafe verhängt und auch vollstreckt wird. Dass kritische Journalisten oder Oppositionelle  von der Straße weg spurlos verschwinden, ist den Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch zufolge keine Seltenheit. Bemerkenswert ist auch, dass sich das Land nicht einmal die Mühe machte, seinen Geheimdienst nach dem Ende der Sowjetunion umzubenennen – er trägt nach wie vor den berüchtigten Namen „KGB“. (ght)

Weißrussland (Belarus) grenzt an Polen, die Ukraine, Russland, Lettland und Litauen. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig. Rund 20 Prozent der knapp 9,5 Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt Minsk. Die offiziellen Amtssprachen sind Russisch und Weißrussisch –letzteres wird aber kaum gesprochen. Weißrussische Staatsbürger brauchen für fast alle Auslandsreisen in Europa ein Visum (außer bei Reisen nach Russland, in die Ukraine, nach Moldawien sowie nach Serbien und nach Montenegro). Das Land steckt seit vielen Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die für 2015 geschätzte Inflationsrate wird voraussichtlich bei rund 20 Prozent liegen. Der belarussische Rubel hat auf den Euro bezogen in den vergangenen zehn Jahren mehr als 80 Prozent seines Wertes eingebüßt. Für einen Euro muss man derzeit rund 20 000 belarussische Rubel hinblättern, fünfmal so viel wie noch vor fünf Jahren. Nach Informationen des Auswärtigen Amtes lag der monatliche Durchschnittslohn im vergangenen Jahr bei rund 580 US-Dollar. (ght)

 

Originally published: http://www.suedkurier.de/skplus/skthemen/themen-des-tages/Alexander-Lukaschenko-Vom-Diktator-zum-umjubelten-Volkshelden;art1188142,8183533